Freitag, 02.12.2005
Nachtwanderungen
Es ist Wochenende, als ich merke, wie ich Shanghai urplötzlich in einem anderen Licht sehe. Und zwar buchstäblich. Mir fällt nämlich auf, dass ich in das Herz von Shanghai, in die pulsierenden Straßen, in das pralle Leben nur einfalle, wenn die Sonne schon längst unter dem grauen Nebelmantel verschwunden ist und Sonnenlicht durch Neonlicht ersetzt wurde. Mein Büro ist nun einmal verdammt weit draußen. Waigaoqiao, im Nordosten Shanghais versteckt. Meine Wohnung wiederum liegt ziemlich genau zwischen der Arbeit und dem Vergnügen.
Jeden Morgen und jeden Abend muss ich eine knapp einstündige Fahrt mit dem firmeneigenen Shuttlebus auf mich nehmen und bis jetzt habe ich noch kein richtiges Zeitüberbrückungskonzept entwickelt. Das Arbeiten auf meinem Notebook führt in Verbindung mit den Abgasen, die mit ihren stinkenden Händen durch meine Nasenlöcher greifen und mein Gehirn umklammern, zu penetranten Kopfschmerzen. Die schlaglochinfizierten Straßen und der rasante Fahrstil unseres Fahrers machen ein kleines Nickerchen auch nahezu unmöglich (?nahezu?, weil es manche chinesischen Kollegen trotzdem schaffen). Die Lösung, die mir bis jetzt am meisten Spaß machte, ist einfach eine DVD reinzuschmeißen, Kopfhörer aufzusetzen und zu relaxen. Eine Folge ?The Sopranos? passt genau rein und man lernt auch noch etwas fürs Leben, denn nicht umsonst gibt es das Buch ?Tony Soprano on Management?.
Freitag, 18.11.2005
Welcome to China! We give you yesterday's technology tomorrow.
Mir sei heute mal erlaubt, wenige Zeilen von meiner Arbeitsstelle aus zu posten, denn in diesem Moment darf ich beobachten, wie die Klimaanlagen, welche hier in Shanghai wegen Mangel an Zentralheizungen auch zum Heizen benutzt werden, gereinigt werden. Die Klimaanlage hängt von der Decke herab und um sie zu erreichen, haben die Arbeiter eine Leiter auf einen Schreibtisch gestellt. So weit ich das von hier aus erkennen kann, sind die Füße der Leiter nur wenige Zentimeter vom Rand entfernt und niemand hält sie fest, während ein Auserwählter daran hinaufklettern darf.
Na ja, wenn einer fällt, kommt halt der Nächste, mag sich der sarkastische Beobachter denken.
Dienstag, 15.11.2005
Rechts blinken, links abbiegen
Wenn man in Deutschland wohnt und aufgewachsen ist, kommt einem wahrscheinlich so gut wie jeder Straßenverkehr in fremden Ländern chaotisch oder sogar wahnsinnig vor.
Als ich in Shanghai ankomme, merke ich, dass mir das unübersichtliche Gewirr der Straßen und die Staus aus dem Nichts heraus nicht sonderlich gefehlt haben. Aber nach nun knapp einer Woche sehe ich die ganze Sache wieder ein wenig gelassener. Wobei mich die halsbrecherischen Fahrkünste der meisten Verkehrsteilnehmer viel weniger stören als die ewigen Staus. Es ist einfach schade, wenn man sieht, wie viel dieser Stadt an Produktivität verloren geht, nur weil die Zeit im Stau verschwendet wird.
Wenn man die Entwicklung noch mal Revue passieren lässt, erkennt man, dass die Stadt immer schneller und produktiver wurde. Zuerst kommt das Fahrrad. Man gelangt schneller von A nach B. Dann kommen die öffentlichen Verkehrsmittel. Züge und Busse. Die Stadt wird schneller. Dann kommen die Autos und plötzlich steht es still. Nämlich im Stau. In Verbindung mit Bevölkerungswachstum ist die massive Einführung von Autos in eine Stadt wie Shanghai ein Produktivitätskiller, da jede einzelne Person plötzlich viel mehr Platz im Straßenverkehr verbraucht als vorher.
Shanghai investiert deswegen massiv in den Ausbau der Infrastruktur und versucht auch das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel zu verbessern. Wahrscheinlich werden im Kern Shanghais die Straßen bald ebenso achterbahnähnlich in die Höhe gebaut sein, wie man es jetzt schon in Hong Kong beobachten kann. Aber ein ganz anderes Problem ist das Auto ?das? Statussymbol überhaupt. Jede Familie aus dem Mittelstand wird den, durch den wirtschaftlichen Aufschwung verdienten, Wohlstand zuerst in ein Auto investieren wollen, bevor dann so nebensächliche Dinge wie Gesundheitsversorgung anstehen. Die Autoindustrie freut sich. Die Umwelt und der staugeplagte Mysam leider nicht.
Montag, 14.11.2005
It's Shanghai, Baby
Woran ich merke, dass ich nun in China bin? Ich komme am Flughafen an, steige aus und dann geht? alles? ein? bisschen?laaaaangsamer.
In Hong Kong habe ich handgestoppte 10 Minuten gebraucht, bis ich durch alle Kontrollen war, meinen Koffer abgeholt habe und aus dem Flughafen raus war. Nach 10 Minuten in Shanghai stehe ich immer noch an der Passkontrolle. Und zwar ganz hinten in einer langen, langen Schlange. Dabei ist es nicht so, dass sie zu wenige Schalter geöffnet hätten oder viele Menschen gleichzeitig angekommen sind. Nein, die Kontrolleure brauchen einfach unendlich lange die Pässe zu kontrollieren.
Aber damit fängt der Spaß erst an, denn ich will ja auch noch Geld wechseln, damit ich später den Taxifahrer nicht verprügeln und mit zwei Koffern, einer Tasche und geprellter Zeche flüchten muss. An der Wechselstube angekommen (der einzige Geldautomat, den ich finden konnte, funktionierte natürlich nicht), erkenne ich mit Freude, dass die Schlange nicht besonders lang ist. 5 Personen, das müsste schnell gehen. Oh, wie falsch man doch manchmal liegen kann. Der ?Bearbeiter? ist nicht nur langsam, er ist verdammt langsam. Noch ein wenig langsamer und er würde in die Vergangenheit reisen. Ich muss ca. 40 Minuten warten, bis ich an die Reihe komme. Ich gebe ihm 75 Euro zum Wechseln. Drei (!) Scheine! Was macht er? Lässt diese drei Scheine, drei Mal (!) durch den Geldscheinzähler laufen. Genau in diesem Moment schlägt sich meine Wut in Resignation um, da ich erkenne, dass noch nicht mal ein kontrollierter Wutausbruch diese Person zur Einsicht bringen könnte. In der Zwischenzeit haben sie in der Innenstadt wahrscheinlich drei Wolkenkratzer hochgezogen. China, Welt der Gegensätze.
Im Hotel angekommen, fällt mir eine Gruppe von chinesischen ?Laoban? (Chef, oder Möchtegernchefs) ins Auge, die sich wieder zum gemeinsamen Umtrunk getroffen haben. Und da es einen immer als Ersten erwischen muss, darf ich bei meiner Ankunft beobachten, wie dieser Eine sein Abendessen samt ?Baijiu? (ekelhafter Fusel) mitten in die Lobby recycled.
Welcome back to China!
Freitag, 11.11.2005
Es wird gegessen, wat auff'n Tisch kommt! Teil 2
Ein weiteres Essenserlebnis hatte ich in einem ?brasilianischen BBQ Restaurant?. Draußen angeschlagen waren die Preise für das Buffet. Verschiedene Preise für verschiedene Zeiten. Und zwar eine Menge davon. Da das Restaurant in der Nähe meines Hotels war und ich an dem Abend nicht mehr so große Lust hatte weiterzulaufen, habe ich mich einfach mal reingesetzt. Vielleicht gab es ja auch noch etwas anderes auf der Karte. Als ich mich gerade hinsetzte kam ein Typ mit Kochmütze und einem gigantischen Fleischspieß in der Hand an meinen Tisch. Er fragte mich, ob ich etwas davon haben möchte. Reflexartig bejahte ich seine Frage, ohne ein Mal meine Augen von dem Spieß abzuwenden. Anscheinend gab es in diesem Restaurant nichts anderes als Buffet und ich hatte natürlich die teuerste Zeit erwischt. ?Was soll?s? Dann muss ich mir die Kohle halt wiederholen.? Dachte es und ging energischen Schrittes Richtung Fleischbar. Immer wieder kamen auch meine Freunde mit den Fleischspießen an meinem Tisch vorbei. Ich glaube, am Ende haben sie gar nicht mehr gefragt, sondern einfach nur noch auf meinen Teller geschaufelt.
Das Restaurant hatte auch zwei authentische Gitarrenspieler, die wirklich gar nicht schlecht waren. Sie sahen aus wie Südamerikaner, sprachen wie Südamerikaner, aber hatte sich offensichtlich hervorragend in Asien integriert, denn auf ihren virtuos gespielten Gitarren blitzten doch tatsächlich Hello Kitty! Aufkleber! Neben mir saß ein verliebtes Pärchen und die Gitarreros stimmten gerade ein Liebeslied für sie an. Ein kurzer Blick des Mädchens zu mir reichte aber, um jeden romantischen Moment verklingen zu lassen, denn in einem leichten Anfall von Neugierde habe ich ebenfalls kurz herübergeschaut. Nur hatte ich dabei einen Chicken Wing quer im Gesicht hängen.
Donnerstag, 10.11.2005
Es wird gegessen, wat auff'n Tisch kommt!
Wie viele andere Großstädte dieser Welt ist auch Hong Kong mit einer bunt blühenden Restaurantlandschaft gesegnet. Und so stehe ich jeden Tag vor einer großen Auswahl und kann mich kaum entscheiden, was ich nehmen soll. In einer Spannweite von feinen Restaurants bis zur Frittenbude an der Ecke werden Speisen aus allen Teilen der Welt angeboten. Die meiste Zeit habe ich mich dabei auf die lokale Küche konzentriert. Also ab in die Frittenbuden!
Hier bestellt man aber nicht wie bei uns im Ruhrpott ?C-Wurst Pommes Schranke und ne Fricke für die Ische? sondern Leckereien wie das speziell gegrillte Schweinefleisch (Cha Siu Fan oder Cha Shao Fan). Hauptsächlich am Morgen gibt es dann Dim Sum. Meist im Bambuskorb gedünstete kleine Spezialitäten.
Besonders interessant finde ich auch die Macao Küche. Macao ist eine ehemalige portugiesische Kolonie ganz in der Nähe von Hong Kong. Es ist ein beliebtes Ausflugsziel und hat neben einigen Casinos auch schöne alte Gebäude im mediterranen Stil in asiatischer Umgebung zu bieten. Auch die Küche konnte sich dabei zu einem ganz besonderen Mix entwickeln.
Vorgestern war ich in einem Macao Restaurant und habe dort eine ?Reissuppe? gegessen. Der Reis in dieser Suppe war aber nicht, wie die üblichen chinesischen Reissuppen völlig weich und aufgelöst, sondern hatte noch ein bisschen Biss. Die Suppe wird erst im letzten Moment über den Reis gegeben, zusammen mit Abalone, anderen Meeresfrüchten, zwei Sorten Schweinefleisch (Fisch und Fleisch passen hier sehr gut zusammen), Paprika, Oliven, Tomaten und einem Haufen anderer Sachen. Kann ich nur empfehlen.
Montag, 07.11.2005
Hong Kong
Ich atme ein.
Ich atme aus.
Und beim nächsten Atemzug weiß ich, ich bin in Hong Kong. Es liegt eine besondere Schwere in der Luft, verursacht durch die hohe Luftfeuchtigkeit und kombiniert mit unterschiedlichsten Gerüchen, wobei jeder einzelne von ihnen in meiner Nase unverwechselbar erscheint. Nicht umsonst heißt Hong Kong ?der duftende Hafen?. Auch wenn das natürlich nicht auf jeden Ort dieser Stadt zutrifft, wie man sich denken kann.
Wieder bin ich hier und wieder fühle ich, wie sich meine Mundwinkel zu einem leichten Grinsen verziehen, sobald ich das Flugzeug verlasse. Es wird wohl immer etwas Besonderes für mich sein, mich in dieser Stadt zu befinden, denn auch dieses Mal war ich ein wenig aufgeregt, bevor ich die Reise überhaupt antrat. Kaum eine andere Stadt vermag mir diese leichte positive Angespanntheit zu vermitteln. Auch wenn ich nur für ein paar Tage hier bin und eigentlich gar keine Zeit habe, viel zu unternehmen. Und mein Budget sowie mein Koffer verhindern, meiner eigentlichen Lieblingsbeschäftigung (und dem einzigen Nationalsport, den Hong Kong hat) nachzugehen. Shopping! Es fühlt sich komisch an, denn seit meinen Teenagerjahren bin ich es gewohnt, einen Großteil meiner Garderobe hier zusammenzustellen. In der Hinsicht bin ich auch gespannt, was Shanghai zu bieten hat. Am Mittwoch werde ich es sehen.
Samstag, 27.08.2005
Aufbruch
Es gibt sie. Die Tage, an denen man spürt, wie sich Dein Leben in naher Zukunft stärker verändern wird als zuvor. In denen Du, besonders in Augenblicken des stillen Verharrens, die besondere Schwere spürst, die sich durch die Unberechenbarkeit der Zukunft entwickelt.
Heute ist so ein Tag für mich. Und für was wäre er besser geeignet, als für den Start meiner ganz persönlichen Form der Offenbarung. Nein, so dramatisch soll es gar nicht wirken. Vielmehr verspüre ich manchmal die Lust, meine persönlichen Gedanken, Situationen, Beobachtungen und besonderen Kleinigkeiten festzuhalten, damit sie nicht irgendwo in meinem allzu löchrigen Gedächtnis verloren gehen. Viel zu leicht gewöhnt man sich an Dinge, die eines zweiten Blickes und einer Erinnerung würdig wären.
Dies ist der Ansatz dieses Weblogs, denn eine einfache Form Erinnerungen nicht zu verlieren ist, sie zu teilen oder aufzuschreiben. Warum das Ganze also nicht einfach verbinden? Hier kann ich all das loswerden, was mir ein paar Zeilen geschriebenen Wortes wert ist. Und auch die Sachen, die es eigentlich nicht wert wären. Warum nicht?
Für einen kurzen Moment habe ich überlegt, ob ich diesen Blog anonym halten soll, aber der Gedanke, dass meine Freunde und Bekannte ab und zu mal hereinschauen und lesen, was sich gerade in meinem Leben abspielt, gefällt mir besser. Außerdem fällt mir dann das Schreiben einfacher, da ich mir ein kleines Publikum vorstellen kann, an das ich meine Texte adressiere.
Hoffentlich werden fleißig Kommentare abgelassen, damit ich weiß, dass es Euch noch gibt.